Roger Willemsen (1955 – 2016)

Buchmesse Leipzig - Roger Willemsen

 

Für mich ist er der Mann, mit dem ich 9/11 geteilt habe. Wir hatten uns kurz zuvor beim Launch von Grönemeyers Grönland-Label – ich glaub, es war in Köln – kennengelernt. Ich wollte für den Musikexpress ein Feature über den schon damals beklagenswerten Zustand der Musik im Fernsehen machen, also verabredeten wir ein Treffen in seinem Hamburger Büro. Im Schanzenviertel aber redeten wir an jenem 13. September 2001 zwei Stunden lang nicht über das vorgegebene Thema, sondern ausschließlich über unsere Gefühle, Ängste und die möglichen Folgen der New Yorker Ereignisse. Es war das erste und einzige Mal, dass ich von einem beruflichen Termin unverrichteter Dinge und ohne verwertbares Ergebnis heimkehrte – und es war gut so. Die Begegnung mit Roger Willemsen gehört zu den inspirierendsten und angenehmsten, die ich in meiner journalistischen Laufbahn hatte – danke dafür! Der Kontakt hielt noch einige Jahre, zuletzt schrieb er mir liebevolle und tröstende Worte zum Verlust einer engen Familienangehörigen.

Roger Willemsem gehört zu den Männern, zu denen ich aufblickte. Er wird fehlen.

Rest in peace, Roger! Und mögen sie Dich da oben verschonen mit “großintellektuellen Ponyträgern vom Schlage eines Victor Worms”… ;-)

 

 

Die Heiligsprechung des Lemmy Kilmister

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Nun ist er doch gegangen. Der Held, den sie für unsterblich hielten. Das letzte Jahr wird ein schlimmes gewesen sein, voller Leiden und Schmerzen. Man sah ihm das an, zuletzt wirkte die stolze und unnachgiebige Fassade fragil, fast durchsichtig, vielleicht sogar ein wenig verängstigt. Dass es nun so schnell und überraschend geschehen ist, wenige Wochen nur nach den letzten Motörhead-Konzerten, darf man also getrost unter Gnade verbuchen.

Der Mann mit dem charakteristischen Bart und den auffälligen Warzen im Gesicht war keine feinsinnige, von mythischer Genialität umwehte Künstlerseele. Er war ein Instinktmusiker, ein cleverer Bursche und harter Arbeiter, der bis zuletzt für sich, für seine Band und für seine Fans gerackert hat. Alles gegeben, wie man im Fußball sagt. Ein einfacher Kerl aus der Grafschaft Staffordshire, der – ihn selbst dürfte das am meisten gewundert haben – nach bescheidensten Anfängen im Laufe der Zeit zum Superstar aufstieg und als Kultfigur verehrt wurde.

Mit Motörhead hinterließ Lemmy einen Haufen halsbrecherisch schnellen, metallisch harten und vollkommen ungeschminkten Rock’n’Rolls. Laut, lakonisch, verlässlich. Allein dafür gebührt ihm ein Ehrenplatz in der Ruhmeshalle der populären Musik. Lemmy hinterließ aber auch ein Rollenmodell, das genauso kompromisslos wie seine Musik die hedonistische Seite des Rock’n’Roll verkörperte. Er pflegte einen Lebensstil, dessen sinnliche Erfüllung im Rausch lag und dessen Welterkenntnis in zweifelhaften Einsichten gipfelte. Etwa der, dass der Holocaust zur einen Hälfte wohl wahr sein mochte, zur anderen aber erlogen war. Die komplexe Welt konnte er, mit bodenständigem Witz, auf die Sicht eines Kindes herunterbrechen. Auch das machte ihn zum Idol – allerdings nur für jene Gemüter, welche die daraus folgenden, allenfalls flüchtigen Augenblicke der Erleuchtung schon für Weisheit hielten.

Seinen Fans war Lemmy vor allem einer der wenigen glaubhaften Gegenentwürfe in einer Welt der politischen Korrektheit, der Empörungskultur und der gesellschaftlichen Durchformatierung. Das erklärt seine nun auf allen sozialen Medienkanälen einsetzende Heiliggsprechung. Die Absender: fast ausnahmslos zivilisierte Durchschnittsmenschen,  denen nicht im Traum einfallen würde, ihre in Watte gebettete bürgerliche Mittelstandsexistenz gegen dieses so konsequent in den Abgrund rauschende Leben ihres Helden einzutauschen.

Es ist die alte Geschichte: Lemmy war der Stellvertreter. Eine Kunstfigur, deren simple Wahrheiten Orientierung gaben in einer Welt, die zu durchschauen so viel anstrengender ist als sich von ein paar Marshallwänden bedröhnen zu lassen. Brot und Spiele. Und die Illusion von Freiheit, Exzess und dem allen Realitäten trotzig entgegengerecktem Mittelfinger. Eine Lüge, die man Rock’n’Roll nennt.

Wie es in Lemmy wirklich aussah, wussten die wenigsten. Man darf aber vermuten, dass einer, der so sterben muss wie er, all diesen hohlen Rock’n’Roll-Mumpitz am Ende zum Teufel wünscht.

Möge seine Seele Frieden finden.

 

Zehn Alben, die mein Leben veränderten

Mein Freund Hollow Skai hat mich nominiert – ich tue also, was zu tun ist, und liste hier zehn Platten, die mein Leben verändert haben. Natürlich nicht unbedingt die tollsten, besten oder vom Kanon der Kritik abgesegneten Meisterwerke. Aber eben zehn von denen, die mein kleines Leben auf ihre ganz besondere Weise bereichert, manchmal gar auf den Kopf gestellt haben. God bless the makers!

1. Pop History / The Who
Danach war nichts mehr wie zuvor: Ich gab meine Leichtathletik-Karriere auf, verkaufte die Spikes-Sportschuhe und investierte den Erlös in The Who…

2. German Rock Scene Vol. 2 – Various Artists (Jane, Neu!, Emergency, Guru Guru u.a.)
Sonderbare Musik, aber ausnahmslos aus Deutschland West. Ein Leben jenseits von ZDF-Hitparade, Disco, James Last und Juliane Werding schien also möglich.

3. Bless It’s Pointed Little Head – Jefferson Airplane
Auf dem Cover war Bassist Jack Casady als schlafender Zecher zu sehen – so also sah das gelobte Land der Hippies aus: „Rock Me Baby“!

4. Exile On Main St. – The Rolling Stones
Gekauft 1972 – und aussortiert. Erst später, zwischen Clash, Pistols und Ruts, verstand ich: der verstörendste Gruß, den uns Dionysos je zukommen ließ.

5. Misfits – The Kinks
„Lola“, „You Really Got Me“, gut und schön. Für mich aber war der wirkliche Ray Davies der von „Misfits“ und „Rock & Roll Fantasy“ – ein trauriger Clown.

6. Highway 61 Revisited – Bob Dylan
Eine von diesen Platten, die schon alt waren, als ich sie entdeckte, und von deren Texten ich nichts verstand. Aber ich wusste sofort: Der Typ hat recht.

7. All Mod Cons – The Jam
„Down In The Tube Station At Midnight“ – drei englische Rotzlöffel zeigten mir, dass frühe Kinks, Stones, Who und der heilige Zorn des Punk zusammengehörten.

8. Darkness On The Edge Of Town – Bruce Springsteen
Der Messias aus New Jersey, so war zu hören. Ich ahnte, er war gut, wusste nur nicht warum. Bis ich „Darkness“ hörte.

9. Für usszeschnigge – BAP
Rock mit deutschen Texten hatten schon andere gemacht. „Verdamp lang her“ und „Waschsalon“ aber ermutigten mich, es selbst zu versuchen.

10. Five Days In July – Blue Rodeo
Sie machten da weiter, wo Eagles und Poco in den Siebzigern stehengeblieben waren – ein Trost inmitten von Eurodance-Trash und Mariah-Carey-Balladen.

Jetzt würde ich mich freuen, die Listen von folgenden zehn Leuten zu sehen:
Franz Halbritter, Ekki Maas, Christoph Leim, Thomas Passmann-Engel, Bernd Hocke, Wolfgang Hertel, Roderich Fabian, Anja Caspary, Hagen Liebing, Michael Lohrmann.

 

Fachjournalist des Jahres

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Mein Report “Der Wurm im edlen Holz”, erschienen in GuitarDreams 2/2012, hat mir bei der diesjährigen Wahl zum “Fachjournalisten des Jahres” durch die Deutsche Fachpresse den zweiten Platz eingebracht! Die Story (siehe Referenzen, Print) beschäftigt sich mit Razzien beim renommierten Gitarrenhersteller Gibson sowie dem Vorwurf, die Firma habe illegal erworbenes Edelhölzer für ihre Instrumente verwendet. In der Printausgabe wurde die Story um ein ausführliches Gespräch mit dem Umweltaktivisten Alexander von Bismarck ergänzt, dessen Undercover-Ermittlungen im Jahr 2011 das Abholzen von naturgeschütztem Edelholz auf Madagaskar aufgedeckt hatten.

Vogel Preis

Der Preis wurde bei einer Feierstunde am 5. Juni im ThyssenKrupp Quartier in Essen verliehen. Das Foto zeigt mich mit Katharina Pugmeister (Vorstand Karl-Theodor-Vogel-Stiftung) und dem Jury-Vorsitzenden Professor Dr. Lutz Frühbrodt (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt).

Für nähere Infos bitte Fotos anklicken! 

 

Zur Neuauflage von “Confessin’ The Blues”

Große Freude – zur überarbeiteten und nunmehr vierten Auflage von “Rolling Stones: Confessin’ The Blues – das Gesamtwerk von 1963-2013″ hat die Süddeutsche Zeitung auf der “Kultur”-Seite ihrer heutigen Ausgabe ein Interview mit mir veröffentlicht! Bitte das Bild anklicken!

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Herzlichen Dank an Dirk Wagner und Gerhard Zimmermann/mmp!

“Generation Pop” im Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Die Völklinger Hütte wurde 1994 als erstes Industriedenkmal der Welt von der UNESCO in den Rang eines Weltkulturerbes erhoben. Seit Mitte der 1990er Jahre wird auf dem Gelände des ehemaligen Eisenhütte ein reichhaltiges Kulturprogramm geboten, darunter Konzerte und Ausstellungen.
Derzeit bereitet die Völklinger Hütte eine anspruchsvolle Ausstellung zum Thema “Generation Pop” vor, die im September 2013 eröffnen soll. Ich bin sehr stolz darauf, dass mich das Kuratorium nun in den Wissenschaftlichen Beirat der Ausstellung berufen hat!

Gary Clark Jr. und der Geist von Charley Patton

Kürzlich durfte er als Gitarrist mit den Rolling Stones auf der Bühne stehen – eine Ehre, die gemeinhin nur Musikern widerfährt, die Jagger & Co. ihrem Publikum ans Herz legen wollen. Tatsächlich vereinen sich Tradition und Moderne in kaum einem jungen Rockmusiker derzeit eindrucksvoller als in Gary Clark Jr. aus Austin, Texas. Die New York Times sah in ihm gar den neuen Hendrix. Maßlos übertrieben, natürlich, aber doch nicht ganz falsch. Denn wie einst auch Hendrix gelingt Clark in seiner Musik etwas, das sehr, sehr lange nicht zu hören war: Er vermählt den düsteren Geist des Blues mit der postmodernen Gegenwart.
In den Songs seines Debütalbums “Blak And Blu” (Warner) führt er wie selbstverständlich das Vermächtnis von Charley Patton, Muddy Waters und Charlie Mingus zusammen mit dem Spirit des Neo Soul, den modernen Produktionstechniken des HipHop und sogar gemäßigten Anklängen ans Metal-Genre. Dabei ist der Mann, der aussieht wie eine Kreuzung aus Marvin Gaye und Lenny Kravitz, ein großartiger Songwriter und Sänger.
Im März live in Berlin und München.

Rockys Geheimnis

Rocky Balboa? Kult, sowieso. Schließlich: Wer hätte den Film nicht gesehen? Gleich nach dem Start im Herbst 1976 wurde „Rocky“ zu einem der erfolgreichsten US-Kinohits aller Zeiten. Sylvester Stallone, Drehbuchautor und Hauptdarsteller in Personalunion, stieg zum Weltstar auf, sein Film sackte drei Oscars ein.

Ich allerdings hatte mit dem Thema nichts am Hut. Damals nicht, und später schon gar nicht. Eine Kinokarte für Rocky wäre für mich und meinesgleichen – arrogante Provinz-Gymnasiasten mit Rockstar-Phantasien – die uncoolste Investition gewesen, die sich denken ließ. Wenn schon Kino, dann Stanley Kubricks „Clockwork Orange“ oder „Der Stadtneurotiker“ von Woody Allen, nicht aber diese Boxerschnulze.
Und so kamen Stallone und ich über die Jahrzehnte ganz gut miteinander aus: Regelmäßig kehrte er mit dem nächsten, noch schlimmeren Rocky-Sequel auf die Leinwand zurück – und genauso regelmäßig ging mir das am A… vorbei.
Bis zum Sommer 2012. Da fragte man mich, ob ich Lust hätte, ein Making-of-Buch zum Rocky-Musical zu verfassen. Ausgerechnet ich.
Bis heute weiß ich nicht, warum ich das Angebot nicht auf der Stelle abgelehnt habe. Irgendetwas ließ mich zögern. Ein paar Tage später sagte ich zu. Vielleicht war es die Absurdität des Auftrags, die mich neugierig gemacht hatte.
Ich stürzte mich in die Arbeit, reiste nach Hamburg zur Produktionsfirma des Musicals, sprach mit allen Beteiligten und spielte Mäuschen bei den Proben. Ich sah zu, wie im Operettenhaus an der Reeperbahn das Unterste zuoberst gekehrt wurde, und ich sprach mit Wladimir Klitschko, Boxweltmeister und Co-Produzent von „Rocky – das Musical“.
Klitschko war es, der mir Rockys Geheimnis verriet: „Ich habe das zum ersten Mal wirklich begriffen, als mein Bruder 1991 in Paris Weltmeister im Kickboxen geworden war. Damals war ich gerade 15 Jahre alt, und als er tatsächlich mit dem Titel wieder nach Hause kam, konnte ich es einfach nicht glauben: Mein Bruder Weltmeister? Unmöglich, dachte ich, das konnte nur jemand anderer sein, aber nicht mein Bruder. Da wurde mir klar, dass auch Vitali den Rocky in sich selbst gespürt haben musste. Und das half mir sehr, an mich selbst zu glauben, denn nun wusste ich, dass das nicht nur im Film sondern auch in der Realität funktionieren kann.“
Natürlich hab’ auch ich den Film inzwischen gesehen. Mag sein, dass dieser Rocky ein schlichtes Gemüt ist, ein Loser, ein Nobody wie du und ich. Stellvertretend für uns alle aber versucht er die eine Chance zu nutzen, die das Leben ihm bietet – und findet dabei heraus, dass nichts dem Menschen mehr Kraft verleiht als die Liebe.
Rocky und ich sind jetzt Freunde.