Rockys Geheimnis

Rocky Balboa? Kult, sowieso. Schließlich: Wer hätte den Film nicht gesehen? Gleich nach dem Start im Herbst 1976 wurde „Rocky“ zu einem der erfolgreichsten US-Kinohits aller Zeiten. Sylvester Stallone, Drehbuchautor und Hauptdarsteller in Personalunion, stieg zum Weltstar auf, sein Film sackte drei Oscars ein.

Ich allerdings hatte mit dem Thema nichts am Hut. Damals nicht, und später schon gar nicht. Eine Kinokarte für Rocky wäre für mich und meinesgleichen – arrogante Provinz-Gymnasiasten mit Rockstar-Phantasien – die uncoolste Investition gewesen, die sich denken ließ. Wenn schon Kino, dann Stanley Kubricks „Clockwork Orange“ oder „Der Stadtneurotiker“ von Woody Allen, nicht aber diese Boxerschnulze.
Und so kamen Stallone und ich über die Jahrzehnte ganz gut miteinander aus: Regelmäßig kehrte er mit dem nächsten, noch schlimmeren Rocky-Sequel auf die Leinwand zurück – und genauso regelmäßig ging mir das am A… vorbei.
Bis zum Sommer 2012. Da fragte man mich, ob ich Lust hätte, ein Making-of-Buch zum Rocky-Musical zu verfassen. Ausgerechnet ich.
Bis heute weiß ich nicht, warum ich das Angebot nicht auf der Stelle abgelehnt habe. Irgendetwas ließ mich zögern. Ein paar Tage später sagte ich zu. Vielleicht war es die Absurdität des Auftrags, die mich neugierig gemacht hatte.
Ich stürzte mich in die Arbeit, reiste nach Hamburg zur Produktionsfirma des Musicals, sprach mit allen Beteiligten und spielte Mäuschen bei den Proben. Ich sah zu, wie im Operettenhaus an der Reeperbahn das Unterste zuoberst gekehrt wurde, und ich sprach mit Wladimir Klitschko, Boxweltmeister und Co-Produzent von „Rocky – das Musical“.
Klitschko war es, der mir Rockys Geheimnis verriet: „Ich habe das zum ersten Mal wirklich begriffen, als mein Bruder 1991 in Paris Weltmeister im Kickboxen geworden war. Damals war ich gerade 15 Jahre alt, und als er tatsächlich mit dem Titel wieder nach Hause kam, konnte ich es einfach nicht glauben: Mein Bruder Weltmeister? Unmöglich, dachte ich, das konnte nur jemand anderer sein, aber nicht mein Bruder. Da wurde mir klar, dass auch Vitali den Rocky in sich selbst gespürt haben musste. Und das half mir sehr, an mich selbst zu glauben, denn nun wusste ich, dass das nicht nur im Film sondern auch in der Realität funktionieren kann.“
Natürlich hab’ auch ich den Film inzwischen gesehen. Mag sein, dass dieser Rocky ein schlichtes Gemüt ist, ein Loser, ein Nobody wie du und ich. Stellvertretend für uns alle aber versucht er die eine Chance zu nutzen, die das Leben ihm bietet – und findet dabei heraus, dass nichts dem Menschen mehr Kraft verleiht als die Liebe.
Rocky und ich sind jetzt Freunde.

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